Es ist der ewige Wettstreit, der sich gegenseitig meist nicht verstehenden und nicht würdigenden Lager – Trendfolger und Contrarians. Doch so unterschiedlich beide Charaktere am Markt agieren und so sehr sie das Vorgehen des jeweils anderen belächeln, so sehr brauchen sie sich doch – kauft immerhin der eine dem anderen stetig die angebotenen Positionen ab. Ich möchte in diesem Beitrag mein antizyklisch-hybrides Positionsmodel erklären, welches ich auch in wöchentlichen Analysen unter dem Namen CONTRAMO (Contrarian Trading Model) veröffentliche.

contramo-logoKürzlich las ich im Blog von Jonas Höfgen den Artikel “Das DAX-Spekulationsspielchen“, welcher sich mit seiner antizyklischen Handelsweise mit diesem Index beschäftigte. Ich las den Beitrag mit großem Interesse und musste verwundert feststellen, dass seine diesbezügliche Herangehensweise im Kern jener entsprach, die auch ich als Basis in meinem aktuell entwickelten Handelssystem zu Grunde legte. Trotz einiger schematischer Unterschiede waren die grundsätzlich gleichen Gedankengänge offensichtlich und auch er schien sich mit dieser Vorgehensweise erfolgreich am Markt behaupten zu können.

Ich nahm somit einfach kurzerhand Kontakt zu Jonas auf und wir tauschten uns konstruktiv über unsere Arten der Umsetzung und auch unseren bisherigen Erfahrungen aus. Letztlich fragte er mich, ob ich nicht einmal einen etwas detaillierteren Beitrag zu der von mir präferierten Variante verfassen möchte und diesem Ansinnen darf ich hiermit nachkommen.

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor

Reflexion

Grundkonzept des Positionstradings

HOW TO?

Fazit

Über den Autor

Richard Kupfer lebt in Salzburg (Österreich) und ist als leitender kaufmännischer Angestellter bei einem deutschen Technologiekonzern beschäftigt. Thematisch mit der Börse und passiven Investments beschäftigt er sich seit mittlerweile 25 Jahren, mit Charttechnik und -analyse, sowie aktivem Börsenhandel seit ca 17 Jahren.

Sein aktuelles Portfolio reicht von verschiedenen mittel- bis langfristigen Zertifikaten, ETFs auf den DAX bis hin zu aktiv gemanagten Investitionen mittels KO-Zertifikate, basierend auf dem gegenständlichen Handelssystem. In Summe konnte er im Laufe der Zeit Erfahrung über die gesamte Bandbreite an Börsengeschäften sammeln, von Veranlagung in langfristig orientierten Investment-Fonds, bis hin zu kurzfristigem CFD-Handel im Tickchart.

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Reflexion

Jonas beschrieb in seinem Artikel bereits, wie er antizyklisch Positionen eröffnet und unter Nutzung des 200er EMAs Käufe verbilligt. Versierten Lesern ist hierbei eventuell die alte Börsenregel „Greife niemals in ein fallendes Messer“ oder auch das Martingale-System in den Sinn gekommen.

Er argumentierte in seinem Artikel auch, dass es sich hierbei um eine ganz andere Herangehensweise handelt und ich möchte ihm an dieser Stelle vollinhaltlich zustimmen. Ein bewusstes, systematisches und systemimmanentes Optimieren des Einstandskurses hat mit diesen negativen behafteten (und primär auf kurzfristiges Trading bezogenen) Handlungsweisen Nichts zu tun.

Im kurzfristigen Trading ist das Verbilligen einer Position, wie auch im Casino das Verdoppeln des Einsatzes (Martingale-System), die Reaktion(!) auf einen fehlerhaften(!) Trade bzw. eine falsche(!) Annahme.

Gänzlich anders verhält es sich bei einem systematischen und bewussten Optimieren des Einstandskurses, bei gleichzeitigem Aufbau des Investitionsvolumens und Streuung/Reduktion des Risikos. In solch einem Fall kann das Verbilligen als Kernkomponente eines ganzheitlichen und in sich schlüssigen Handelssystems verstanden werden, welches erst die gewünschte Outperformance gegenüber dem Underlying generieren sollte.

Das zu Grunde liegende Konzept ist natürlich keine neue Erfindung: „Billig kaufen, teuer verkaufen“. Treten wir aber dennoch erst mal einen Schritt zurück und beschäftigen uns mit dem “Warum & Wie?”.

Grundkonzept des Positionstradings

Kürzlich wurde ich in meinem privaten Umfeld gefragt, wie es denn sein könne, dass der DAX seit Jahresanfang empfindlich fiel, Medien einen weltweiten Bärenmarkt ausrufen und die wesentlichen Indizes auch die letzten Tage immer nur negative Performance auswiesen. Gleichzeitig freute ich mich jedoch angeblich über die Realisierung eines respektablen Gewinns, obwohl ich basierend auf meinem Handelssystem angeblich nur Long in den DAX investierte.

Objektiv gesehen kann dies irritieren und es ist natürlich absolut legitim, diesen vermeintlichen Widerspruch zu hinterfragen. Eine ignorante Antwort hierauf hätte lauten können, dass ich zuvor einfach zu einem niedrigeren Kursstand gekauft hatte. Meine detailliertere Erläuterung zu dem Grundkonzept lautete jedoch ähnlich wie folgt:

Kurse bewegen sich grundlegend immer in Form von Wellen [siehe u.a. Dow-Theorie], deren Form und Ausmaß immer ein gewisses Maß an Übertreibung widerspiegeln. Dies ist verschiedenen Gründen geschuldet, u.a. einem gewissen massenpsychologischen Herdentrieb, der gerne von „unerwarteten“ Neuigkeiten/Nachrichten angestoßen wird. Jedoch auch systemimmanent generiert durch sequentielle Orderausführung in Kombination mit der Kurswert-Ermittlung bzw. vereinfacht gesagt, mit der dynamischen Entwicklung von Angebot & Nachfrage.

Keine Kursentwicklung – egal in welchem Zeitrahmen (vom Tickchart mal abgesehen) – stellt eine gerade Linie dar. In allen Zeiteinheiten sind wellenförmige Kursschwankungen zu verzeichnen, die Übertreibungen nach oben und nach unten bestreiten. Der Kurs alterniert somit laufend um seinen eigentlichen „Fair Value“.

Beispielhaft hierzu ein Linienchart betr. dem Zeitraum Februar 2016 (Abb.1, DAX Monatschart)

abb1_m1_022016Abb.1

Der DAX (DB-Indikation) verlor also im Monat Februar ca. 463 Punkte, was einem Verlust von 4,7% entspricht. Wenn man diese Zeitspanne jedoch in einer kleineren Zeiteinheit betrachtet (Abb.2), finden sich auch sofort die zuvor erwähnten Übertreibungsphasen, im konkreten Fall sticht besonders eine markante Abwärtsbewegung bis ca Mitte Februar ins Auge.

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HOW TO ?

Mit Hilfe eines geeigneten Indikators wäre es nun möglich, überdurchschnittliche Übertreibungs-/Trendbewegungen zu identifizieren. Ob man hierfür einen gleitenden Durchschnitt (SMA, EMA o.dgl.), Bollinger Bänder, einen Keltner Channel oder den Supertrend Indikator benutzt, scheint praktisch irrelevant. Hierbei führen viele Wege ans Ziel und es gibt für diesen Zweck auch keinen besonders herausragenden Indikator. Die Signale unterscheiden sich bei adäquater Parametrierung nicht wesentlich und jeder Indikator liefert je nach Marktlage/Kursmechanik mal bessere, mal nicht ganz so optimale Signale.

Ergänzt um einen weiteren Indikator mit kürzerer Periodendauer (iSv. schneller, reaktiver) lassen sich auch zusätzlich Gegenbewegungen triggern, die man jeweils als mögliche Beendigung der übergeordneten Übertreibungsphasen interpretieren und direkt als Handelssignale nutzen könnte (Abb. 3).

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Abb.3

Im konkreten Beispiel wäre es somit gelungen, mit einem geeigneten Signalsystem Gewinne mit Long-Investments zu realisieren, trotz eines übergeordnet fallenden Marktes. Dies stellt für sich alleine aber bestenfalls eine solide Basis dar, ein vollständiges Handelssystem würde hieraus erst im passenden Gesamtkontext mit integrativem Money- und Riskmanagement, jedoch bereits das Thema einer vernünftigen (dynamischen) Positionsgrößenbestimmung wäre für sich alleine bereits ausreichend Stoff für einen separaten Artikel.

Folgende grundlegende Ansätze sollten jedoch in jedem Fall Anwendung finden:

In Phasen, in denen das Underlying Übertreibungsbewegungen nach unten bestreitet, sollte eine Gesamtpositionierung auf Basis folgender Zielsetzungen aufgebaut werden

  1. einem möglichst geringen, gemittelten Einstandskurs
  2. einem möglichst hohen Investitionsgrad
  3. einem möglichst geringen, gemittelten Risiko
  4. einer möglichst großen, gemittelten Hebelung

In Phasen, in denen das Underlying daraufhin Übertreibungsbewegungen nach oben bestreitet, sollten im Gewinn liegende Positionen schrittweise realisiert werden, im Regelfall nach dem LIFO-Prinzip.

Die zuvor genannten Zielsetzungen scheinen sich teilweise zu widersprechen, jedoch mit dem richtigen Setup und adäquater Berücksichtigung der wesentlichen Kenngrößen sind diese auch realistisch gleichzeitig umsetzbar.

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Systematisch und strikt angewendet sollten damit wiederholt erfolgreiche Trades wie beispielhaft folgender vom Beginn dieses Kalenderjahres umsetzbar sein:

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  • Am 08.01.2016 wurde eine übergeordnete Abwärtsbewegung bei ca 9.970 Pkt. getriggert (Abb. 5, gelb), darauf folgend die Teil-Kauf- (Abb. 5, grün) und Teil-Verkaufsignale (Abb. 5, rot). (Auf die detaillierte Kursentwicklung des Underlying habe ich der Einfachheit halber verzichtet, die Darstellung ist somit reduziert auf die Zeitpunkte der Systemsignale).
  • In Abb. 6 ist die Umsetzung der adaptiven/progressiven Positionsgrößenbestimmung bei den Teilkäufen in der Abwärtsbewegung erkennbar, in Abb. 7 die zugehörige, schrittweise Erhöhung der Hebelung bzw. vice versa die Reduktion der gemittelten KO-Schwelle.
  • In der Gesamtheit dieser Maßnahmen/der Vorgehensweise ergibt sich eine sehr vorteilhafte Absenkung des gemittelten Einstandskurses (Abb. 5, blau) und gleichzeitig auch die Basis für eine dynamische Entwicklung im Zuge der zu erwartenden Aufwärtsbewegung.
  • Konkret konnte der Dax konnte erst wieder am 30.03. an das Kursniveau vom Beginn der ursprünglichen Abwärtsbewegung zurückfinden, also den entspr. Break Even (~ 9.970 Pkt) erreichen.
  • Nach dem Teilverkauf der letzten offenen Position am 21.04.2016 konnte der Index dann aber doch einen relativen Gewinn von +4,34% verbuchen. Das Handelssystem konnte in diesem Zeitraum jedoch eine Performance von +16,0% verbuchen (grün), was einer Outperformance von F +3,69 entspricht.

Fazit

Wie bereits erwähnt, ist ein ganzheitliches und in sich stimmiges Handelssystem nötig, um antizyklisch dauerhaft profitabel handeln zu können. Ich möchte Sie daher ganz explizit davor warnen, ein derartiges Konzept nur auf Basis der wenigen, von mir hier angeführten Informationen im Realbetrieb zu nutzen! Vielleicht habe ich Sie jedoch mit meinen Ausführungen neugierig machen können und Sie haben bereits eigene Ideen, wie man ein derartiges, profitables Handelssystem aufsetzen könnte.