Wie bereits im vorherigen Artikel beschrieben entwickelte sich die Börse seit dem 17. Jahrhundert mit der Gründung der ersten Aktiengesellschaft in den Niederlanden und dem Bau der ersten Gebäude für den Handel von Wertpapieren rasant. Viele Personen erkannten die Kraft und die Möglichkeiten der Börse frühzeitig und wussten diese geschickt für sich und andere zu nutzen.

Eine dieser Personen heißt John Law. Dieser Schotte ist eine charakterlich interessante Persönlichkeit. Vor Allem jedoch ist Law eine der bedeutendsten Personen der Finanzwelt. Er schuf etwas, was noch heutzutage zu bewundern ist. Er erkannte ökonomische Aspekte, die erst 200 Jahre nach ihm wieder aufgegriffen worden sind. John Law ist einer der wichtigsten Charaktere der Finanzwelt und aus meiner Sicht eine der spannendsten Persönlichkeiten unserer Geschichte.

Law wurde 1671 in Schottland geboren, wuchs dort auf und auf Grund seiner überdurchschnittlichen Intelligenz und seines Talentes der Mathematik und des Kopfrechnens arbeitete er als Nationalökonom und Bankier. Doch auch dem Glücksspiel war er verfallen. In den Tavernen und Spielbanken war er berüchtigt, denn auf Grund seiner mathematischen Begabung gewann er nahezu immer. John Law war als Person auf der einen Seite intelligent und gerissen. Eine Person des Erfolgs. Auf der anderen Seite jedoch ein Lebemann, der gerne feierte, trank und spielte und somit auch aus Schottland fliehen musste als er wegen eines Duells um eine Frau, bei der sein Kontrahent verstarb, verklagt wurde. Er floh in die Niederlande wo er intensiv die dort boomende Börse studierte. Doch John wäre nicht John Law, wenn damit seine Geschichte vorbei wäre. Er musste erneut fliehen und lebte in Venedig im Exil. Circa 1715 dann ging er nach Frankreich. Dort sollte er sein Lebenswerk schaffen. Auf sein Wirken möchte ich heute eingehen. Wer ist er? Was schuf er? Was lernen wir daraus?

Nach einer kurzen Einführung zur Person John Law möchte ich kurz in diesem Absatz die historische Situation erklären: John Law gelang ungefähr 1715 nach Frankreich. In der damaligen Zeit erhielt die Börse immer mehr Ansehen. Vor Allem wurden mit ihr die großen Seefahrts-Gesellschaften finanziert. Die Seefahrts-Nationen Frankreich, England, Spanien, Portugal und die Niederlande befanden sich in einem Wettlauf um die Kolonien. Riesige Vermögen wurden investiert, um Kolonien zu erschließen, Handel zu betreiben und Kriege um diese Ländereien zu führen. Frankreich war damals das wirtschaftlich stärkste Land Europas. Und mit 20 Millionen Bürgern auch das bevölkerungsreichste Land. Eine Vormacht in Europa. Der verstorbene Sonnenkönig, Ludwig der XIV, hinterließ dem Land jedoch eine finanziell untragbare Situation. Seine exzessiven Feste, seine Affinität für teure Gegenstände und Kunst, sowie seine teuren Kriege in ganz Europa hinterließen schmerzhafte Spuren im Haushalt des Königreichs. 1715 standen rund 100 Millionen Livre Einnahmen ganzen rund 145 Millionen Livre Ausgaben gegenüber. Frankreich musste Schulden machen. Und das obwohl die Schuldenlast bereits 3,5 Milliarden (3.500 Millionen) Livre betrug. Der neue König, Ludwig XV, war noch unmündig und wurde in der Regentschaft durch Phillip II. (duc D’orléans) vertreten, welchen auch John Law kennenlernte. Jeder Vorschlag, wie diese finanzielle Situation gelöst werden könnte, traf damals auf offene Ohren.

Law erlangte 1716 Ansehen und Berühmtheit in Frankreich, indem er den Staatshaushalt zu entlasten wusste. Historisch erlangte er einen Platz in den Büchern, denn er gründete die wohl erste Zentralbank der Geschichte. Die „Banque Générale“ ist der Vorläufer der heutigen „Banque de France“. John Law durfte diese Bank gründen, emittierte 120 Aktien zu je 50.000 Livre, um Grundkapital über 6 Millionen Livre zu erhalten und erhielt das Recht der Münze. Mit diesem Recht war die Banque Generale das Unternehmen, welche das Geld ausgab. Frankreich war somit dank Law wohl auch das erste Land der Welt, welches ungedeckte Banknoten herausgab. John Law erkannte, dass für die Wirtschaft des Landes nicht der Wert der Währung, welcher damals durch die Golddeckung erzeugt worden ist, sondern der Umlauf von genügend Geld, also der Liquidität, abhing. Und so druckte er Livre, welcher durch das Versprechen des Staates diesen notfalls in Gold umzutauschen, seinen Wert erhielt. So konnte Frankreich Geld schöpfen (Einnahmen) ohne auf der anderen Seite Gold einkaufen und einlagern zu müssen (Ausgaben). Law setzte bereits Anfang 1700 somit das um, was erst 1971 offiziell weltweit mit der Aufhebung des Goldstandards umgesetzt worden ist. Er war seiner Zeit weit voraus und schaffte es so auch den Staatshaushalt von Frankreich mit billigem Geld zu entspannen.

1718 wurde die Banque Generale verstaatlicht. Frankreich wollte an der neuen schier unerschöpflichen Quelle des Geldes stärker partizipieren. John Law gründete 1719 die Mississippi-Kompanie und erhielt durch die Krone das Monopol auf den Handel und die Erschließung der Ländereien am Mississippi in Amerika. Sogleich emittierte er Wertpapiere zu je 500 Livre, damit auch die ärmeren Bevölkerungs-Schichten investieren konnten. Er sammelte über 100 Millionen Livre ein. Eine gigantische Summe. Jeder wollte Aktien haben, denn man träumte von großen Goldschätzen und ergiebigen Ländereien in Amerika. John Law investierte das Geld extrem geschickt. Er kaufte alle Seefahrts-Unternehmen des Landes und errichtete somit ein Imperium der Seefahrt. Er besaß alle Handels-Monopole und Schiffs-Flotten. Er erschloss und handelte alle Kolonien. John Law wurde der wichtigste Mann Frankreichs und der wohl reichste Mann der Welt. So kaufte er sich auch das Recht der Münze zurück. Das Imperium des gerissenen Schotten umfasste nach kurzer Zeit, dank des Kapitals der Anleger, den gesamten französischen Übersee-Handel inklusive zahlreicher Monopole und er konnte sich selbst Geld drucken.

Mit dieser betrieblichen Entwicklung schoss auch der Wert der Aktien in die Höhe. Von anfänglichen 500 Livre bei der Ausgabe stieg der Kurs in kurzer Zeit um 1.900% auf 10.000 Livre. Einfache Bauern und Putzfrauen waren plötzlich Millionäre und stolzierten auf den Boulevards mit Diamanten-Ketten umher. Der Begriff „Millionär“ wurde wegen dieser Geschehnisse erfunden. Die Kompanie Laws eröffnete in zahlreichen Städten Büros an denen Aktien gekauft und verkauft wurden. Jeder wollte plötzlich an diesem Aktien-Handel teilhaben und seinerseits reich werden. Und so reisten 1719 monatlich bis zu 25.000 Personen nach Paris. In den Stadtteilen der Büros der Kompanie explodierten die Häuserpreise von 1.000 Livre um 1.500% auf 16.000 Livre. Es handelte sich um eine gigantische Spekulations-Blase. Denn all diese Wertsteigerung basierte nicht auf dem Erfolg der Kompanie, sondern auf den Hoffnungen des großen Erfolgs dieser und auf Grund der riesigen Kaufkraft. Die Nachfrage war vielfach höher als das Angebot. Law verdiente prächtig daran und konnte wohl eine bis fünf Milliarden Livre einsammeln. Ein vielfaches der Wirtschaftskraft des damaligen Frankreichs.

Doch 1720 machte sich Unruhe breit. Rückkehrer berichteten von Krankheiten, Seuchen und Misserfolgen. Gold wurde kaum gefunden und die Kolonien schienen nicht so erfolgreich, wie erwartet bzw. wie erträumt zu sein. Die Überbewertung des Konglomerats von John Law wurde immer mehr Anlegern bewusst und das Angebot (Verkäufer) am Markt wurde größer. Der Kurs der Aktien fing an zu fallen. John Law selbst war sich der Blase und Gefahr bewusst und hatte selbst Angst vor den Folgen. Er versuchte alles, um die Träume der Anleger zu füttern. Er bezahlte Menschen, welche Geschichten des Erfolgs verbreiten sollten und ließ Schauspieler durch die Städte zu den Häfen stolzieren. Scheinbar auf dem Weg in die Kolonien zum Goldabbau. Doch auch das half nicht mehr. Die Anleger wurden sich immer mehr bewusst darüber, dass Laws Imperium nicht erfolgreich war. Als John Law den Regenten bat den Aktien-Kurs gesetzlich auf höchstens 9.000 Livre zu begrenzen, um die Überbewertung einzudämmen, lehnte der Regent dies ab, aber die Anleger fanden dies heraus. Eine Panik brach aus. Aus den Gerüchten wurden Fakten und wo sich zuvor Schlangen vor den Büros der Kompanie bildeten, weil jeder Aktien kaufen wollte, dort spielten sich plötzlich Tumulte ab, weil jeder versuchte seine Aktien zu verkaufen. Viele Anleger verloren ihr Vermögen. Der Aktienkurs fiel rasant. 10.000, 9.000, 8.000, … John Law selbst griff zum letzten Mittel, welches ihm einfiel, um den Aktien-Kurs zu stützen und die Blase vor dem endgültigen Platzen zu bewahren. Er druckte Geld und kaufte große Mengen Aktien zurück, um die Seite der Nachfrage (Käufer) künstlich zu simulieren und zu stärken. Es war wohl auch das erste Aktienrückkaufprogramm der Geschichte. Doch auch das half Nichts mehr. Der Kurs stürzte komplett ab, das Imperium des John Law entpuppte sich als erfolgloses Kartenhaus und brach ebenfalls zusammen.

Neben dem betrieblichen Misserfolg des Seefahrts-Konglomerats riss diese Spekulations-Blase Frankreich 1720 wohl auch in die erste Finanzkrise der Welt. Die Blase platze an der damaligen Börse, riss aber auch viele andere Segmente, wie die Immobilien-Preise, mit sich in den Abgrund. Große Teile der Bevölkerung verarmten. Vor Allem aber explodierte die Inflation. John Law spülte durch das Aktienrückkaufprogramm so viel neues Geld in die französische Volkswirtschaft, dass der Livre schlagartig an Wert verlor. Als der Regent eingriff und die Ländereien und Besitztümer der Kompanie beschlagnahmte erkannte auch er das Ausmaß der Geldpolitik des Schotten. Dieser hatte wohl rund 2,9 Milliarden Livre in nur zwei Jahren gedruckt und somit Mal eben die Geldmenge in Frankreich verdoppelt bis verdreifacht. Es zeigte sich das Ausmaß der exzessiven Geldpolitik und der ungerechtfertigten Überbewertung dank der es Frankreich ein halbes Jahrzehnt gut ging, aber das Land dann wieder auf dem Boden der Tatsachen landete. Und zwar sehr hart landete. In Frankreich wurde der Goldstandard für nächsten 200 Jahre wieder eingeführt und Papiergeld galt als „Teufelszeug“.

John Laws bewegende Geschichte endete wie so oft: Er musste aus dem Land fliehen. Er war in nur wenigen Jahren erst zum reichsten und berühmtesten Mann, dann zum ärmsten und am meisten gehassten Mann, geworden. John Law war seiner Zeit weit voraus. Er erkannte, was erste im 20. Jahrhundert als richtig und logisch neu entdeckt wurde und was heutzutage Gang und Gebe ist in unserem Markt. John Law revolutionierte das Finanzwesen und schrieb in vielen Dingen Geschichte. Die erste Zentralbank, die erste Finanzkrise, das erste ungedeckte Papiergeld und so weiter. Kein anderer verstand es so gut, wie er, die neuen Möglichkeiten des Finanzwesens und der Börse für sich zu nutzen. Kaum jemand anderes erkannte die Kraft der Finanzierung durch die Börse. Und kaum jemand anderen entwickelte in nur 5 Jahren so viele neuartige und erfolgreiche Finanzinstrumente, wie John Law.