Eine ausführliche Technische Chartanalyse des DAX® per 05.02.2017.

Sachlich, detailliert, ohne Populismus, seriös und mit Erläuterungen betrachten wir den aktuellen Zustand des großen deutschen Leitindex.

1. Rückblick

Der deutsche Leitindex konnte zwar eine wirklich beeindruckende Rally zum Jahresabschluss 2016 verzeichnen, im aktuellen Kalenderjahr müssen wir jedoch bis dato eher von einer Konsolidierung sprechen. Gleichwohl er bis dato einen Gewinn von 170 Punkten verbuchen konnte, ist auch zu berücksichtigen, dass der Großteil der Bewegung aus dem “Neujahres-Börsentag” am 02.01. stammt. Danach konnte der Index in Summe lediglich eine Wegstrecke von 53 Punkten (bzw. 0,46%) für sich verbuchen.


2. Status quo

Der DAX schloss am Freitag, 03.02.2017 mit einem Punktestand von 11.651,49 (Xetra). Charttechnisch betrachtet befindet er sich nun bereits seit längerer Zeit auf einem sehr überkauften Niveau und auch die Dynamik der davorliegenden Aufwärtsbewegung(en) war deutlich erhöht. Dies ist sehr gut mit bloßem Auge zu erkennen, doch die grafische Darstellung mit einer Kurve (mit bestmöglicher Annäherung an Extrempunkte) reduziert die Bewegung auf das Wesentliche.

Nach der klassischen TA-Lehre wäre nach einer derartigen Kursbewegung bereits seit einiger Zeit eine adäquate Gegen-/Abwärtsbewegung zu erwarten.


3. Vorwort / Allgemeines zur Techn. Chartanalyse

Doch genau diese zuvor erwähnte, erwartete Abwärtsbewegung ist bis heute einfach noch nicht eingetreten, der Index bewegt sich im Prinzip eher seitwärts und selbst dies nur mit relativ überschaubarer Volatilität.
Man mag sich fragen, “Warum fällt er denn nicht endlich, sondern hält sich so lange auf so “überhöhtem Niveau”?” Ganz einfach … weil er es kann.
Ein wesentlicher Teil des Marktgeschehens wird durch eine eher unberechenbare Teilnehmerschaft bestritten, durch Big Player, computerunterstütze Handelssysteme, computergesteuertem Hochfrequenzhandel u.v.a.m. Deren Vorgehensweisen muss nicht immer zwingend logisch oder rational erklärbar sein oder gar der persönlichen Präferenz entsprechen. Es fließen hierbei auch mal politische Intentionen, eigens auferlegte Handelsbeschränkungen, produktspezifische Vorgaben, Zweckoptimismus, rein mechanisch gesteuerte Handelstätigkeit oder vielleicht auch einmal  die Zielsetzung manipulativer Kursbeeinflussung mit ein.
Wäre dies nicht schon Unsicherheit genug, befinden wir uns inmitten einer “politischen Börse”, Trump´sche Aussagen scheinen derzeit die Finanzmärkte beliebig zu beeinflussen und steuern zu können. Subjektiv betrachtet erscheint es, als würde momentan ein hohes Say/Do-Ratio seitens der amerikanischen Administration ein höheres Gewicht zu haben, als positive, wirtschaftliche Nachhaltigkeit und Weitblick der eigentlichen Maßnahmen selbst.

Aus welchem Grund sollte man sich bei einem so hohen Maße an Unberechenbarkeit dann überhaupt mit einer Analyse von Aktienkursen befassen?
Wir bewegen uns hier im Bereich der Handelsvorbereitung und dem -management laufender Handelspositionen.

Auch die technische Analyse kann keine verlässliche+verbindliche Aussage über zukünftige Kursentwicklungen bieten. Sie kann jedoch mögliche Szenarien aufzeigen und helfen, diese zu bewerten, um jene mit besonders hoher Eintrittswahrscheinlichkeit zu identifizieren. Hiermit lassen sich dann konkrete “Wenn/dann”-Aussagen treffen, die sich in weiterer Folge auch in klar formulierten Handelsstrategien beschreiben lassen. In Kombination mit einem probatem Risk- und Moneymanagement hat man damit das komplette Rüstzeug, um erfolgreich an den Aktienmärkten agieren zu können.


4. Die Analyse

4.1. Big Picture

Es ist klar ersichtlich, dass die langfristige Wertentwicklung einen positiven Trend aufweist. Der “Alltime”-Trendkanal gibt eine grobe Orientierung, welche Extrempositionen aus heutiger Sicht denkbar sind und der jüngere Aufwärtstrendkanal, der mit dem Tiefpunkt des Börsencrashs (der “Finanzkrise”) Anfang 2009 seinen Startpunkt findet, weist in Relation ein erhöhtes Aufwärtsmomentum auf. Dessen untere Trendlinie wurde in jüngerer Vergangenheit auch bereits zwei mal getestet und scheint den Kurs bis dato  verlässlich zu stützen. Die relative Position des Kurses innerhalb der langfristigen Trendkanäle suggeriert  Aufwärtspotenzial, es liegt derzeit keine Extremposition vor.
Seit Spätsommer 2016 sind auch die gleitenden Durchschnitte (SMA, EMA 200) wieder aufwärts gerichtet und der EMA konnte den SMA von unten kreuzen, was ein positives Momentum widerspiegelt.
Fazit: Der langfristige Ausblick ist klar positiv

4.2. Widerstände & Unterstützungen (D1)

In einem etwas längerem Darstellungszeitraum lassen sich im näheren Umfeld des aktuellen Kursstandes eine hohe Anzahl an Unterstützungen und Widerständen identifizieren. Relativ zum derzeitigen Kurs sind hierbei Unterstützungen grün, Widerstände rot eingezeichnet.
Interessant ist hierbei, dass sich der Kurs aktuell innerhalb eines Widerstands-/Unterstützungsbereiches befindet, welcher von ca 11.620-11.680 Punkten reicht. Ohne relevante Impulse ist es hier nicht ungewöhnlich, dass der Kurs ein wenig feststeckt, da sicher einige Marktteilnehmer darauf warten, in welche Richtung der Kurs ausbricht.

4.3. Trendanalyse (D1)

4.3.1. Trendanalyse gem. Dow-Theorie (D1)

Im Tageschart befinden wir uns übergeordnet in einem aktiven Aufwärtstrend. Eine neuerliche Bestätigung dessen Fortbestandes würde erst bei einem Kursniveau von 11.894 Punkten erfolgen. Und Ein Bruch des Trends würde bei einem Kursstand von 11.437 Punkten signalisiert. Aktuell befindet sich der Kurs somit ungefähr in der Mitte dieser beiden Signallevel. Denkbar ist, dass der jüngste Tiefpunkt am 31.01. das nächste Höhere Tief darstellt.

4.3.2. Trendlinien/-kanäle (D1)

Weiters können 2 aktive Trendkanäle identifiziert werden (grün strichliert). Sowie ein großer, nicht mehr gültiger Kanal, aus dem der Kurs am 15.12. ausbrechen konnte (violett strichliert). Dessen obere Begrenzung erfuhr einen Paritätswechsel und diente seither bereits mehrfach als Unterstützung im Zuge der letzten Aufwärtsbewegung (orange gekennzeichnet).

Fazit: Die untersuchten Trends auf Tagesbasis sind aktuell positiv.

Kritisch zu bewerten ist jedoch die relative Position des Kurses innerhalb des größeren aktiven Trendkanals bzw. dass der Index am 26.01. die Oberkannte des Kanals punktgenau angelaufen und somit sinngemäß abgearbeitet hat. Dies suggeriert ein Anlaufen der unteren Kanalbegrenzung.

4.4. Trendanalyse (H1)

4.4.1. Trendanalyse gem. Dow-Theorie (H1)

Seit 30.01. konnte sich im Stundenchart ein Abwärtstrend ausbilden und trotz empfindlicher Seitwärtstendenzen am 02. und 03.02. ist dieser Trend derzeit noch aktiv.

4.4.2. Trendlinien/-kanäle (H1)

Der seit 26.01. abwärts gerichtete Trendkanal wurde bereits zum Börsenbeginn am 03.02. verletzt. Ein Ausbruch mittags wurde zwar umgehend wieder abverkauft, im Laufe des Nachmittags lief der Kurs dann jedoch geführt an einer aufwärts gerichteten Trendlinie nachhaltig aus dem Trendkanal.

Fazit: Da die Aussagekraft von Trendlinien/-kanäle besonders in kurzen Zeiteinheiten nicht als besonders signifikant erachtet werden muss, kan die Trendanalyse derzeit noch als positiv bewertet werden.

4.5. Formationen D1

Seit dem 01.02. bildet(e) sich auf Tagesbasis ein charttechnisches Dreieck. Das Ausmaß ist jedoch relativ gering und die Form relativ symetrisch, eine relevante Aussage lässt sich hieraus nicht ableiten. Abgesehen von der negativen Initialbewegung zeigen die bisherigen Folgekerzen eine positive Tagesrange, dies könnte man als geringwertiges positives Signal werten.

Fazit: Neutral – positiv


5. Der Ausblick

Die verschiedenen Analysen ergeben in Summe leider kein homogenes Bild und so lässt sich die aktuelle Situation auch nicht eindeutig bewerten und keine klare charttechnisch präferierte Richtung bestimmen.
Das sollte den geneigten Leser jedoch an dieser Stelle nicht enttäuschen, denn auf Grund der zuvor getätigten Analyse können wir trotzdem folgende wichtige Schlussfolgerungen treffen:

  • Der DAX befindet sich gerade inmitten eines Winderstands-/Unterstützungsbereiches und die Tageskerzen formten ein charttechnisches Dreieck. Beides dürfte praktisch zeitgleich überwunden werden und dies sollte die Volatilität empflindlich steigern.
  • Es wird in Kürze die Entscheidung fallen müssen, welcher der beiden aktiven Trendkanäle weiterhin Gültigkeit besitzt und in dessen Bahnen sich der Kurs weiter bewegt. Dies ist alleine schon deshalb unausweichlich, da sich die beiden Kanäle auseindander bewegen.

Die beiden grundlegenden Varianten lauten dem Grunde nach :

  • Erfolgt eine Bewegung nach unten, ist besonders auf eine nahende Kreuzunterstützung zu achten, gleich zwei Trendlinien überschneiden sich ca Mitte Februar (orange dargestellt) und deren Nähe zueinander bietet eben gleich doppelte Unterstützung bei rückläufigen Kursen und somit ein deutlich erhöhtes Rückschlagspotenzial.

Kann der Index diesen überwinden, gibt es kaum mehr Unterstützung nach unten bis zu einem Niveau von ca 10.880 Punkten. Abhängig von der Dynamik einer derartigen Abwärtsbewegung wäre kurzfristig auch ein Tief von ca 10.660 Punkten vorstellbar. Der Titel hierfür könnte lauten, “Nach der Trump-Rally ist zurück in der Realität”.

  • Erfolgt eine Bewegung nach oben, ist vorrangig auf die Oberkannte des größeren Trendkanals zu achten, der den Kurs
    erst kürzlich erfolgreich in seine Schranken weisen konnte.


Kann diese Oberkannte des Trendkanals jedoch überwunden werden, ist relativ kurzfristig auch das Erreichen des bisherigen ATH zu erwarten. Der Titel hierfür könnte dann lauten, “Trump-Rally reloaded”.


6. Nachwort

Die derzeitige Verfassung der Märkte und deren weitere Entwicklung ist schwer bis unmöglich zu beurteilen. Und sobald man mehr als einen Indikator oder charttechnische Analysemöglichkeit anwendet, steigert man im ersten Schritt erstmal seine persönliche Ratlosigkeit.
Ich habe diesen Zeitpunkt aber ganz bewusst gewählt und auch als Chance wahrgenommen. Als eine Möglichkeit aufzuzeigen, dass die Technische Chartanalyse auch weiterhelfen kann, wenn vieles Andere versagt. Wenn sich eventuell mal Kopf, Bauch, politische Einschätzung und Fundamentalanalyse nicht in Einklang bringen lassen, kann vielleicht die TA für die notwendige Objektivierung der Sachlage sorgen und bestätigen, dass der aktuelle Status einfach wirklich nur als neutral bzw. undefiniert zu werten ist.

Darüber hinaus lässt sich auch der weitere Fahrplan festlegen, für den Zeitpunkt, an dem diese Undefiniertheit ihr Ende findet.

In diesem Sinne hoffe ich, dass der Artikel für Sie von Interesse war
und wünsche Ihnen viel Erfolg an den Märkten!


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MARKENRECHTE

Es wird darauf hingewiesen, dass es sich bei der Bezeichnung DAX® um eine eingetragene Marke der Deutsche Börse AG handelt.