Trotz einer weiterhin schwächeren Inflation in Europa beließ die EZB ihre Geldpolitik am 02.06.2016 unverändert. Der Leitzins und Einlagezins (Der Zins zu welchem Banken Geld bei der EZB parken können. Derzeit bei -0,4%: Strafzins) sowie die Anleihenankäufe blieben unverändert. Am 08.06. wird die europäische Zentralbanken anfangen auch Unternehmens-Anleihen einzukaufen und nicht mehr, wie zuvor, ausschließlich Staatsanleihen. Welches Wissen und welche Erkenntnisse können wir aus dem Material der EZB, sowie der Pressekonferenz von Mario Draghi ziehen?

Sehr interessant ist dazu auch der Beitrag “Risse im Fundament” der Neuen Zürcher Zeitung

Im Fokus in Europa steht die Inflation. Die Inflation bzw. Preissteuerung ist ein Schlüsselfaktor für eine Volkswirtschaft. Sie darf nicht zu stark ausfallen, sodass die Preise für Güter & Dienstleistungen schneller steigen als die Gehälter der Bevölkerung. Geld würde zunehmend an Wert verlieren. Auf der anderen Seite darf die Inflation jedoch auch nicht zu schwach sein oder negativ (was man Deflation nennt, eine negative Preisteuerung) denn in diesem Fall würden die Konsumenten weniger konsumieren, denn morgen könnten die Preise ja noch tiefer stehen, und Produzenten würden nicht investieren oder die Produktion drosseln, denn macht es Sinn gewerblich tätig zu sein, wenn die Preise für Güter & Dienstleistungen auf der Stelle treten oder fallen? Dementsprechend gilt eine Inflations-Rate in Höhe von 2,0% als Preisstabilität. Die EZB muss eine solche Inflation fördern und halten. Doch derzeit stand die Preisteuerung im Mai bei schwachen 0,1%. Im April sahen wir sogar eine leichte Deflation mit -0,2%. Trotz gigantischer Geldmengen durch das QE-Programm (Quantitative Easing) und einem historisch niedrigen Leitzins in Höhe von 0,00% kommt die Preisentwicklung nicht in die Gänge. Wodran liegt es?

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Auf der einen Seite soll die lockere Geldpolitik für Konsumenten und Produzenten einen günstigen Rahmen für Ausgaben und Investitionen schaffen. Kredite sind billig, sparen lohnt sich kaum und die europäische Notenbank hilft und stützt wo es nur geht. Daniel Eckert (Die Welt) hat in seinem Artikel “Das sind die fatalen Folgen von Draghis Negativzins” jedoch auf den Punkt gebracht, dass den natürlichen und juristischen Personen das Geld eben nicht lockerer sitzt als zuvor. Europa ist vorsichtiger geworden. Der Argwohn ist größer und man stellt hortet lieber sein Geld als es auszugaben. Das Misstrauen gegenüber der Wirtschaft und Konjunktur ist groß. Die Notenbank schafft es nicht als mächtiges Institut durch ihr historisch starkes Eingreifen in den Markt Vertrauen zu schaffen. Im Gegenteil: Das Misstrauen ist groß!

Einfluss hat jedoch auch der Zweitrunden-Effekt. Dieser besagt, dass auf vorhergegangene Kostenveränderungen sozusagen in der ersten Runde in der zweiten Runde sich dies auf die Preise auswirkt, welche sich daraufhin ebenfalls verändern. Der Rohölpreis ist seit Ende 2014 von über $100 auf teilweise $30 gefallen. Dies wirkte sich erst als kostenloses Konjunkturpaket in Europa aus. Unsere Volkswirtschaftr verbraucht unmengen Öl und freute sich dementsprechend über die sinkenden Kosten. Doch mittlerweile wirkt sich dies auf die Inflation aus, denn mit den sinkenden Kosten für Rohöl sinken auch die Preise der Güter, welche an Rohöl gekoppelt sind. Das sind in erster Linie Benzin und Heizkosten, aber auch Tickets der Fluggesellschaften, Fährtickets oder Preise in der Industrie. Derzeit ziehen um 6,8% gefallende Kosten für Energie und Heizen die Inflation weit runter.

Interessant fand ich, dass Draghi bei der Pressekonferenz sehr erholt, zufrieden und selbstsicher wirkte. Nicht mehr so müde wie teils bei vorherigen Pressekonferenzen. Er lächelte leicht und machte Anfangs sogar Scherze mit den Journalisten. Die Stimmung im Presseraum war gut. Ist dies ein gutes Zeichen?

Die Aussagen der EZB in den projection materials (hier als PDF downloaden):

  • “In annual terms real GDP is expected to grow by 1.6% in 2016 and by 1.7% in 2017 and 2018.”
  • “HICP inflation is expected to remain very low in 2016, at 0.2%, strongly dampened by the past fall in energy prices”
  • “For 2017, a significant increase in headline inflation to 1.3% is foreseen, driven to a large extent by upward base effects in the energy component. The declining economic slack is expected to push up inflation somewhat further to 1.6% in 2018.”
  • “The recovery is driven by domestic demand, which is expected to be supported by a number of tailwinds.”

Zwei Aussagen finde ich Interessant:

  1. Die Konjunktur in Europa wird vor Allem durch den privaten Konsum gestützt.
  2. Die EZB erwartet für 2016 weiterhin eine Inflation nahe Null aber vertraut darauf, dass der Ölpreis wieder steigt und dann 2017 die Inflation rapide ansteigt. Und wenn nicht?

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Draghi fordert die Staaten zum Handeln auf

“If structural reforms are in place, the time it takes to reach the inflation objective is shorter” Mario Draghi

“Incentive for structural reforms should come from elsewhere, not from the ECB” Mario Draghi

Erneut forderte Mario Draghi, Chef der EZB, die Staaten der Staatengemeinschaft der EU auf strukturelle Reformen durchzuführen. Erneut? Ja, er tut dies seit Jahren. Schaut man sich die Geschichte der lockeren Geldpolitik seit der Krise 2008 an, dann stützt die EZB die Staaten, nimmt diesen Lasten ab und kauft den Ländern somit quasi Zeit. Die EZB zögert einen Kollaps einzelner Länder und/oder Europas heraus damit die Staaten Zeit haben um wichtige Reformen umzusetzen und sich so besser aufzustellen.

Die Geschichte des lockeren Geldpolitik, Kurzfassung: Die EZB unternimmt viel um die EU-Mitgliedsstaaten zu stützen. Den griechischen Banken räumte dies fasst fahrlässig hohe Notkredite über 100 Milliarden Euro ein. Doch wären die Banken dort kollabiert, wäre es Griechenland kurz darauf auch und daraufhin est Südeuropa und dann eventuell die ganze EU. Auch mit dem OMT Programm (unbegrenzter Ankauf von Staatsanleihen, wurde nie genutzt) hat die EZB die Zinsen in Südeuropa wieder gedrückt sodass Italien, Spanien und Co sich billiger finanzieren konnten und Reformen umsetzen konnten. Mit dem QE-Programm finanziert die EZB indirekt gesetzlich legal Staaten und kauft am Primärmarkt Staatsanleihen. So drückt sie die Zinslast auf Staatsschulden nach unten. Die EZB stützt stark das marode Bankensystem der Südstaaten, um deren Kollaps und den darauffolgenden Kollaps der Länder zu vermeiden. Die EZB tut alles um den Crash von Banken und Staaten zu verhindern. Hierfür werden mehrere Billionen Euro aufgewendet und die maroden System finanziert. Leider vergessen die Staaten, dass die Probleme nur aufgeschoben sind und reformieren diese nicht.

Doch die Staaten machen Nichts! Sie ruhen sich auf der vermeintlich guten Situation aus. Warum unangenehme Reformen umsetzen, wenn die EZB doch billiges Geld regnen lässt? Die Staaten in Europa sind die größten Profiteure der lockeren Geldpolitik. Allein Deutschland verbucht einen Rekord-Überschuss nach dem anderen. Kaum ein Land versteht, dass dies eine künstlich und nur durch immense historisch einzigartige Eingriffe der EZB begünstigte Situation ist. Doch die Notenbanker reden sich den Mund fusselig. Seit Jahren handeln die Staaten nicht. Erschreckend ist zu erkennen, dass Europa mittlerweile tatsächlich für eine Krise und eine Phase ohne lockere Geldpolitik schlechter Aufgestellt ist als zuvor. Die Strukturreformen wurden nicht umgesetzt und die Zeit nicht genutzt. Stattdessen hat man sich der geldpolitischen Party bedient und seine Probleme ignoriert und sogar verschlimmert.

Wichtig ist, dass die Staaten strukturelle Reformen durchführen. Das Staatsanleihen-System hat uns bzw. Südeuropa in die Krise geschickt. Europa braucht ein einheitliches Staatsanleihen System. Es macht keinen Sinn, wenn Staaten eigene Anleihen emittieren. Warum? Das suggeriert, dass ein Euro den man in Deutschland investiert wertvoller und sicherer ist als ein Euro den man in Griechenland investiert. Beide Anleihen laufen jedoch auf Euro und beide Staaten sind EU-Staaten. Hier produziert die EU selbst ein Gefälle. Spekualnten zogen massiv Geld aus Südeuropa ab. Dadurch brachen die Länder beinahe zusammen. Hier muss gehandelt werden.

Auch müssen die Staaten ihre Finanzen neu aufstellen. Chronische Defizite in guten und schlechten Zeiten, eine Verschuldung im Grenzfall zur Überschuldung und aus dem Ruder laufende Ausgaben untergraben die finanzielle Stabilität von Staaten. Leider steigt die Verschuldung in Europa an. Oftmals nicht gewollt, weil die Staaten investieren oder bewusst Ausgaben erhöhen, sondern ungewollt weil manche Resorts wie Sozialausgaben oder Infratsurktur kostentechnisch aus dem Ruder laufen.

Auch muss vor Allem Südeuropa sein marodes Bankenwesen neu aufstellen. Steuereintreibung, Dokumentierung, Finanzierung und Subventionierung müssen in einer Staaten-Gemeinschaft neu organisiert sein. Arbeitslohnpolitik und Subventionen funktionieren nun anders wo alle die gleiche Währung besitzen und sich wirtschaftlich gegenseitig beeinflussen.

Doch leider handeln die Staaten kaum. Italien ist das reform-freudigste Land derzeit. Viele Dinge werden verändert und angepasst. Die Leichen im Keller werden geborgen und entfernt. Man säubert seinen Hinterhof. Aber auch Italien steht hohen Ausgaben gegenüber und die Verschuldung steigt. Derzeit sind die Zinsen auf diese Schulden niedrig dank der EZB. Was passiert wenn die EZB ihr QE auslaufen lassen muss, weil das Geld fehlt oder die Wirkung verpufft? Dann sieht sich Italien wieder dem freien Markt gegenüber. Ziehen sich dann Investoren zurück aus italienischen Staatsanleihen steigen die Zinsen auf Schulden und schnell bricht der Haushalt aus, wenn Monat für Monaten Milliarden Euro mehr für Zinsdienst ausgegeben werden müssen.

Auch untergräbt die Politik der EZB das gesunde Bankenwesen. Rentable und stabile Banken, wie Sparkassen oder Genossenschaftsbanken, leiden unter den niedrigen Zinsen und werden zermürbt. Auf der anderen Seite stehen die maroden Banken im Süden immer noch nicht auf stabilen Füßen oder wurden abgewickelt. Auch basiert die gewisse Stabilität in Europa auf dem Konsum der Bürger während jedoch die Geldpolitik das Ersparte vernichtet und die finanzielle Lage der Bürger langsam aushöhlt. Natürlich hat die lockere Geldpolitik eine Kehrseite auf der Medaille und richtet viel Schaden an. Wie Draghi, oben zitiert, sagte: Wenn die Staaten endlich handeln würden, dann würde man die Ziele viel schneller erreichen. Leider verkennen die Staaten meist den Ernst der Lage und dass es Europa eigentlich sehr sehr schlecht geht und alles nur durch die EZB irgendwie gehalten und finanziert wird. Ewig gut gehen tut das nicht. Die Staaten müssen handeln!!!