Acht Jahre nach der Einführung der europäischen Währung, dem Euro, brach 2010 die unter anderem daraus resultierende Euro-Krise aus. Die durch die Einführung der Gemeinschaftswährung entstandenen wirtschaftlichen Ungleichgewichte entfalteten ihre desaströse Wirkung. Auf der einen Seite war der Wechselkurs für die Peripherie-Staaten Europas zu stark und für die Schwergewichte zu schwach. Infolge dessen sanken Produktion und Export in vielen Ländern und die haushaltsdefizite wurden größer. Auf der anderen Seite konnten viele Länder des Euro-Raumes die Bonität der europäischen Wirtschaftsnationen nutzen und sich günstiger Verschulden. Beide Faktoren führten zu steigender Verschuldung und wirtschaftlicher Disbalance. Nacht acht Jahren im Geldregen drehte der Kapitalmarkt den instabilen Peripherie-Staaten den Geldhahn zu und die Euro-Krise brach aus.

Die Rettungsmaßnahmen waren teuer. Mit hunderten Milliarden direkten Finanzspritzen und Garantien wurde umgeschuldet und refinanziert. Erst mit dem OMT-Beschluss der EZB beruhigte sich der Kapitalmarkt und die Risikoaufschläge auf Staatsanleihen und somit auch die Haushaltsdefizite sanken. Seit der Euro-Krise hat die europäische Zentralbank den Leitzins auf Null gesenkt und Billionensummen via Quantitative Easing in den Markt gepumpt.

Im kommenden Jahr wird Europa das achte Jahr nach dem Ausbruch Euro-Krise erleben. Aus meiner Sicht wurden bisher lediglich die Flammen gelöscht, aber die Glutnester ignoriert. Jederzeit könnte die Euro-Krise wieder aufflammen, wie ich bereits Anfang Januat im Beitrag “Euro-Krise 2.0” thematisiert hatte. In diesem Beitrag möchte ich mich mit neuen Erkenntnissen und Recherchen der Frage widmen: Wie steht es um Europa und droht uns eine Rückkehr der Euro-Krise?

Argumente gegen eine Euro-Krise

Die Konjunkturdaten Europas sind gemischt. Es gibt durchaus Möglichkeiten und Hinweise, dass Europa sich erholt. Wenn auch erst nach jahrelangem Drängen durch EZB und EU-Parlament, machen die Länder nun ihre Hausaufgaben. Deutschland gibt beispielsweise sein exportförderndes Lohndumping auf, währenddessen viele Peripherie-Staaten ihre Haushalte zähneknirschen und langsam aber stetig bereinigen.

  • Die Inflation steigt wieder an. Das ist wichtig, damit die Unternehmen steigende Preise erwarten und somit weiterhin in den Ausbau ihres Angebotes investieren.
  • Die Peripherie-Länder Europas sind dank Garantien, Rettungsschirm und Quantitative Easing nicht mehr so anfällig für den Kapitalmarkt. Die Verzinsung der Schulden ist im Griff, die Haushaltsdefizite nicht mehr dem Kollaps nahe.
  • Das produzierende Gewerbe blüht auf und auch der Binnenkonsum steigt europaweit
  • In Deutschland steigen die Lohnstückkosten wodurch deutsche Produkte am Weltmarkt teurer und weniger attraktiv werden. Die Peripheriestaaten Europas haben wieder bessere Chancen für den nationalen Export
  • Nach jahrelangem Vermeiden von Investitionen, erhöhen die Staaten im Euro-Raum ihre Investitionsausgaben. Allein in Deutschland wurden die Investitionen 2016 um mehr als 6% angehoben. Die Bundesländer kommen mit dem Geld ausgeben nicht hinterher.
  • Auch im Blickfeld der Politik sind wieder bisher vermiedene Reformanstrengungen. Zuletzt scheiterte die wichtigste Reform, die der italienischen Verfassung, doch Europa könnte sich auf einem guten Weg befinden zu erkennen, dass marode Systeme und gemeinschaftliche Ungleichgewichtige reformiert werden müssen.

Argumente für eine Euro-Krise

Doch gerettet ist Europa noch lange nicht. Bisher sind Ungleichgewichte nicht behoben worden und die EU-Nationen tun sich weiterhin schwer mit nötigen Reformen.

  • Weiterhin ungeklärt ist die Frage des Wechselkurses. Dieser ist für schwächere Staaten zu stark und für stärke Staaten zu schwach. Wie kann mit dem daraus resultierenden Ungleichgewicht umgegangen werden? Im Gespräch waren zuletzt beispielsweise ein Nord- und ein Süd-Euro als Währungen einzuführen, um wieder gewisse Wechselkursunterschiede zuzulassen.
  • Weiterhin ungeklärt ist die Frage der nationalen Schuldenberge. Diese lauten auf Euro, doch wer haftet dafür? Die EU verfügt nicht über genügend Mittel, die Einzelstaaten wollen nicht für die Schulden des jeweils anderen haften. Deutschland wehrt sich weiterhin vehement gegen Ideen europäischer Anleihen.
  • Auch ungeklärt ist die Frage der europäischen Integration. Verbleibt Europa als Gemeinschaft ohne Grenzen und gewissen Absprachen oder wird die Integration nach dem Vorbild der United States vorrangetrieben? Derzeit wird die EU aus meiner Sicht von unten nach oben regiert. Die Staaten haben mehr zu sagen, als die EU selbst. Eine Integration durch die Verlagerung wichtiger Resorts (wie beispielweise beim Bund-Länder-Prinzip in Deutschland) in die EU wäre ein großer Schritt in Richtung einer gemeinsamen und einheitlichen Politik bzw. auch Wirtschaftspolitik.

Europa ist immer noch ein Projekt im Aufbau. Auf halber Strecke ist man sich nun uneinig wer das Dach des zu bauenden Gebäudes nun eigentlich tragen soll. Niemand möchte seine tragende Position aufgeben, doch auch nicht die Last übernehmen, wenn neben ihm jemand wegbricht. Alle gemeinsam tragen die Last des Daches, welche jedoch ungleichmäßig verteilt ist. Und doch möchte niemand etwas verändern.

Europa muss sich wichtige Fragen stellen. Wie soll die EU aussehen? Ist die EU bereits am Ziel oder soll die Integration vertieft werden? Auch drängen sich Fragen um den Fortbestand der Gemeinschaft in Zeiten von Austritts-Referenden aus. Wie wird Europa ohne das United Kingdom aussehen und agieren. Auch die Frage der Verteidigungspolitik in Zeiten, in denen sich der große Bruder, die USA, aus Europa zurückziehen, drängt sich auf. Wer wird nun seine Militärausgaben erhöhen und mehr Verantwortung übernehmen? Europa steht vor Chancen und Problemen zugleich. Wo etwas zu Bruch geht ist auch die Chance etwas neues zu platzieren …

Die Wirtschaftslleistung Europas wuchs 2016 um 1,8%. Für 2017 wird eine Zunahme um 1,6% erwartet. Hierbei ist das Wachstum auf Länderebene jedoch ziemlich ungleich verteilt. Während beispielsweise die ehemaligen Krisenstaaten Irland und Spanien mit 3,4% und 2,3% Wachstum glänzen, hinkt Italien mit eine niedrigen Zunahme um nur 0,9% hinterher. Europa wächst, doch reicht das moderate Wachstum, um aus den Problemen herauszuwachsen?

Nur Deutschland, Irland und die Niederlande kommen in Europa ohne Neuverschuldung aus. Alle anderen Länder verzeichnen ein Haushaltsdefizit. Darunter schlagen sich auch mit die größten Volkswirtschaften der Union mit Haushaltslöchern rum. So erwartet Frankreich ein Defizit über 3,1%, Spanien eines um die 3,5% und Italien 2,4%.

Euro-Krise durch Bankensektor?

Wesentlich besorgniserregnder ist jedoch der Zustand des Bankensektors. 5,4% aller EU-Kredite werden nicht ordnungsgemäß bedient. In den USA und Japan sollen es zuletzt nur 2% gewesen sein. Allein italienische Banken schieben über 300 Milliarden Euro fauler Kredite vor sich her. So musste der italienische Staat bereits einen neuen Rettungsfond mit über 20 Milliarden Euro bestücken, von denen bereits 6,5 Mrd. für die krisengeplagte Bank Monte dei Paschi reserviert sind. Die Banken müssen immer wieder hohe Summen fauler Kredite abschreiben. So benötigt die Unicredit ungefähr 13 Milliarden Euro neues Kapital, nachdem vor Kurzem non-performaning loans mit einem Wert über 11,8 Mrd. Euro abgeschrieben wurden.

5,4% der durch Banken im Euro-Raum vergebenen Kredite werden also nicht bedient. Das ist der Durchschnitt im Euro-Raum! Dieser wird natürlich durch wirtschaftliche Schwergewichte, wie Deutschland – mir nur 2,6% fauler Darlehen – runtergezogen. Schaut man sich die einzelnen Staaten an, dann sieht das Bild noch düsterer aus. Den Peripherie-Staaten Europas geht es weiterhin finanziell nicht gut. Neben den angesprochenen Haushaltsdefiziten in Milliardenhöhe werden in Griechenland 47,1% der Kredite nicht regelmäßig bedient, in Zypern sind es 46,7%, in Portugal 19,8%, in Italien 16,4%, in Slowenien 16,3%, in Irland 14,4%, in Bulgarien 13,2%, in Ungarn 12,8%, in Rumänien 10,5% und in Kroatien beispielsweise 10,5%.

Zu erkennen sidn außerdem Kapitalströme aus den Peripherie-Staaten in die Wirtschaftsschwergewichte. Woran erkennt man das? Am Target-2-Salden-System. So schafften italienische Banken scheinbar 2016 rund 130 Milliarden Euro aus dem Land. Die Forderungen der deutschen Bundesbank gegenüber anderen nationalen Zentralbanken stiegen auf Rekordhoch. Viel Geld fließt in das wohl sicherere Deutschland. Steigende Risikoaufschläge für Staatsschulden und abfließendes Kapital könnten Südeuropa erneut Probleme bereiten.

Was würde passieren, wenn die EZB nun den Leitzins wieder anheben und das QE-Programm auslaufen lassen würde? Die zu zahlende Zinslast der Staaten würde wieder steigen, die Haushaltsdefizite erneut außer Kontrolle geraten. Die Summen, welche Staaten durch die niedrigen Zinsen und EZB-Anleihenkäufe seit 2010 eingespart haben, sind gigantisch. Es ist bezeichnend für den Reformstau in Europa, dass trotzdem weiterhin nur drei Staaten Überschüsse verzeichnen und die nationalen Bankensysteme bei den meisten und vorallem den anfälligsten Staaten weiterhin nahe dem Kollaps stehen.

Fazit

Viele behaupten Europa gehe es gut. Dafür gibt es zahlreiche Indikatoren und es gibt tatsächlich positive Entwicklungen. Doch immer wieder sollte man sich vor Augen führen, dass die erstarkende Konjunktur weiterhin ein zärtliches Pflänzchen ist. Europas Stabilität hängt am Geldhahn der EZB. Ohne die Einsparungen von mehr als 200 Milliarden Euro in den vergangenen 5 bis 7 Jahren würde auch Deutschland heute konjunkturell schwächer und eventuell auch mit höheren Schulden um ausgeglichene Haushalte kämpfen müssen. Europa geht es nur dank der Krisenpolitik der EZB gut. Ohne die wäre das viele Geld für die umfassenden Ausgaben der Staaten nicht vorhanden und die Euro-Krise 2010 in einer schweren Rezession geendet, von der sich Europa bis heute nicht erholt hätte.

Mario Draghi weist immer wieder in Reden – seit vielen vielen Jahren – daraufhin, dass die EZB die Zinsen drücke und die Staatshaushalte entlaste um den Nationen Zeit zu verschaffen. Es wird teuer Zeit gekauft. Wie beschrieben wurde die Rezession 2010 verhindert und verschobene. Doch ewig kann auch die EZB die Notenpresse nicht laufen lassen. Europa muss sich berappeln und reformieren. Ohne Abgabe nationaler Kompetenzen an die EU und ohne Lösung der Ursachen der Euro-Krise 2010 wird Europa nie aus dem Krisenmodus herauskommen. Es wird konjunkturelle Erholungen geben, doch es reicht nicht das Feuer zu löschen und die Glut zu ignorieren. Nur erloschene Asche ist nahrhafter Boden auf dem etwas neues aufgebaut werden kann. Wer auf Glut versucht Häuser zu bauen sollte sich nicht wundern, wenn dieses irgendwann wieder in Flammen steht. Aus meiner Sicht macht Europa leider genau das …

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